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verantwortlich: Prof. Dr. Rolf Große
Anlass, ein Projekt zu Karl dem Großen zu begründen, ist sein 1200. Todestag am 28. Januar 2014. Er bietet die Gelegenheit, seine Herrschaft unter neuen Perspektiven zu beschreiben. Seine Persönlichkeit, die Erneuerung des Kaisertums, einzelne Aspekte seiner Herrschaft wie auch das Nachleben wurden bereits früher eingehend untersucht. Es soll nicht darum gehen, Karl den Großen erneut als Vater Europas oder als Begründer des Imperiums zu feiern. Das halbe Jahrhundert seiner Herrschaft soll vielmehr in einem räumlichen und zeitlichen Rahmen gesehen werden, der die Wirkung von Traditionen wie Innovationen erfasst und insbesondere Randzonen und deren Potential als Entwicklungsfelder größere Aufmerksamkeit schenkt. Soweit irgend möglich, ist der historiographische Ansatz zu überwinden, der sich auf altbekannte Quellen stützt und einer Person und ihrer Herrschaft Initiativen und Handlungen zuschreibt, die tatsächlich Entwicklungen und unterschiedlichen Erfahrungshorizonten zu verdanken sind, welche nicht alle dem Gebiet zwischen Loire und Rhein entsprangen. Das Bild von der Herrschaft Karls des Großen ist geprägt von ihrer Stellung zwischen den Reichsgründungen der Völkerwanderungszeit und den Vorboten eines in Frankreich als anarchie féodale abgewerteten Zeitalters. Die Relektüre einer möglichst breiten Auswahl verschiedenartiger Quellen unter neuen Fragestellungen und deren historiographische Dekonstruktion sollen dazu beitragen, die Herrschaft Karls des Großen, seine Epoche und die handelnden Akteure in ihrer zeitlichen wie räumlichen Komplexität zu betrachten. Die gegenwärtigen Neuansätze der historischen Sozialwissenschaft ermöglichen es, die Bedeutung von Netzwerken, Gruppen, Gemeinschaften und Interaktionen sowie ihre Darstellungen und die Dynamik lokaler Gewalten herauszuarbeiten. Berücksichtigung finden soll schließlich auch die Frage, wie der karolingische Okzident in den anderen Räumen wahrgenommen wurde.
Das Projekt beruht auf zwei Säulen: einer Nachwuchsforschergruppe sowie einem Kolloquium 2014.
Der Nachwuchsforschergruppe gehören zwei Doktorandinnen an, Marie-Laure Pain und Amelie Sagasser. Frau Pain arbeitet als Schülerin von Jean-Pierre Caillet (Nanterre) zum Thema »L’architecture monastique au temps de Charlemagne«. Sie befasst sich mit Klöstern, die während der Herrschaft Karls des Großen errichtet oder deren Bau zumindest begonnen, erweitert oder verändert wurde. Diese Gebäude dienten der Repräsentation karolingischer Macht und ihrer politischen wie religiösen Begründung. Zudem untersucht M.-L. Pain den spirituellen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Einfluss der Klöster auf ihre jeweilige Umgebung. Im Zusammenhang mit der oft als »Karolingische Renaissance« bezeichneten Politik Karls des Großen erlebten die Klöster auf struktureller wie auf liturgischer Ebene eine Reihe von Veränderungen (Patrozinium, Entstehung einer Stationsliturgie, Vermehrung der Altäre, weitere Kultbauten innerhalb derselben Anlage). Die Baumaßnahmen nahmen teilweise sehr großen Umfang an. M.-L. Pain fragt auch nach der Beteiligung Karls des Großen an der Bauplanung, nach Neuerungen und Rückgriffen auf die Tradition, die die monastische Architektur jener Zeit auszeichnen.
Frau Sagasser schreibt ihre Dissertation über »Die Juden unter der Herrschaft Karls des Großen«. Ihre Doktorväter sind im Rahmen einer cotutelle Johannes Heil in Heidelberg und Dominique Iogna-Prat in Paris. Karl der Große kam während seiner Herrschaft in ganz unterschiedlichen Situationen mit Juden in Kontakt. Die Quellen dazu bieten ein sehr widersprüchliches Bild jüdisch-christlicher Beziehungen. Das Ziel der Arbeit von A. Sagasser ist es, die verschiedenen lateinischen und hebräischen Zeugnisse systematisch zu untersuchen und zu prüfen, ob die Herrschaft Karls des Großen tatsächlich, wie in der Forschung oft zu lesen, für die Juden das »Goldene Zeitalter« war. Dabei geht es nicht darum, eine konsistente Judenpolitik herauszuarbeiten, sondern den Umgang mit Juden und ihren Traditionen zu analysieren und zu fragen, in welchem Maße Karl der Große diese Traditionen für seine Herrschaft nutzbar machen konnte.
Im kommenden Jahr werden Frau Pain und Frau Sagasser zwei Studientage organisieren: »Groupes cathédraux et complexes monastiques: le phénomène de la pluralité des sanctuaires aux temps carolingiens« (19.04.2013) sowie »Les altérités ethniques, culturelles et religieuses à l'epoque carolingienne« (15.11.2013).
Neben der Nachwuchsforschergruppe wird 2014 eine große internationale Tagung veranstaltet zum Thema »Charlemagne: les temps, les espaces, les hommes. Construction et déconstruction d’un règne« (Paris, 26.–28. März 2014). Folgende Sektionen sind vorgesehen: »Die Randzonen«; »Integration oder Transfer von (materiellen und immateriellen) Ressourcen?«; »Konzept und Organisation der Herrschaft, Konflikte und Widerstand gegen die Herrschaft«; »Prozesse der Vereinheitlichung: Akzeptanz und Gegenwehr«; »Kommunikation, Verkehr, Netzwerke«; »Soziale Repräsentation und Identität«; »Strategien, Antizipationen, Reaktionen: eine Bilanz«. Die Referenten stehen fest. Das vorläufige Programm wird demnächst erstellt.