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verantwortlich: Dr. Gordon Blennemann
Im Rahmen dieses Forschungsprojekts untersucht Gordon Blennemann Formen der Tradition und Adaptation der Idee des Martyriums in der frühmittelalterlichen Gallia. Der Schwerpunkt liegt auf dem in merowingischer und karolingischer Zeit das gesamte Rhônetal umfassenden burgundischen Raum, der in dieser Zeit zu den zentralen Regionen liturgischer und hagiographischer Innovation gehörte.
Das Projekt geht von der Beobachtung einer oberflächlich als paradox erscheinenden Entwicklung aus: Obwohl der Märtyrertod durch die sogenannte Konstantinische Wende und das Ende der Christenverfolgungen faktisch ausgeschlossen war, zeugen spätantike und frühmittelalterliche Zusammenhänge doch von einem anhaltenden Interesse am Martyrium. Dabei handelte es sich, anders als in der Forschung bisher angenommen, nicht allein um ein Phänomen geistlicher Eliten. D.h. das Paradoxon der frühmittelalterlichen Märtyrertradition kann nicht allein theologie- oder dogmengeschichtlich erklärt werden. Es ist vielmehr zu fragen, wie durch das im Frühmittelalter allgegenwärtige Reden über das Martyrium als Teildiskurs der religiösen Rede ein streng genommen obsoletes, aber etabliertes Motiv christlicher Tradition aufgegriffen, aktualisiert und in gesellschaftliche Wandlungsprozesse eingebunden wurde.
Drei Themenkomplexe bzw. Teilfragestellungen sollen im Rahmen des Forschungsprojekts bearbeitet werden:
1. Geschichtlichkeit - Aktualisierung: In welchen Zusammenhängen und auf welche Weise wurden traditionelle Martyriumsvorstellungen aufgegriffen und aktualisiert. Inwiefern ergaben sich daraus Bedeutungskontinuitäten oder auch Bedeutungsbrüche. Welche Rolle spielte die vor allem durch Analogien und die Idee der imitatio hergestellte Verbindung zu den frühchristlichen Märtyrern und ihrer heilsgeschichtlichen Bedeutung.
2. Martyrium - Opfer - Selbstopfer: Welche Rolle spielte die gedankliche Nähe des Martyriums zu Phänomenen wie Opfer und Selbstopfer, auch im Sinne einer möglichen Verbindung zu nicht-christlichen Traditionen?
3. Vermittlung - soziale Praxis: Wenn der Idee des Martyrium eine gesamtgesellschaftliche Relevanz zugeschrieben werden kann, so ist schließlich nach den Mechanismen der Vermittlungen tradierter und aktualisierter Bedeutungen des Martyriums und deren Einbindung in kulturelle und soziale Praktiken zu fragen. Inwiefern kann etwa die Liturgie der Märtyrer als Ort einer kollektiven Interpretation der in anderen Kontexten, etwa in der Hagiographie, entwickelten Martyriumsvorstellungen bezeichnet werden?
Die vor allem auf die funktionale Bedeutung des Märtyrerbegriffs ausgerichteten Fragestellungen richten den Blick gezielt auf die sprachliche Gestaltung historischer Wirklichkeiten in den ausgewählten Quellen. Im Sinne begriffsgeschichtlicher und diskursanalystischer Ansätze rücken damit die Beziehungen zwischen Prozessen des Bedeutungswandels und außersprachlichen Veränderungen in den Mittelpunkt. Sprache soll dabei als Teil eines gesellschaftlichen Wissensvorrats, als kollektiver Speicher von Erfahrungen und Bedeutungen verstanden werden, der sich unmittelbar auf die Entwicklung etwa sozialer Normen und Orientierungsregeln auswirkte. Dadurch untersucht das Forschungsvorhaben letztlich am Beispiel des Martyriums kulturelle Semantisierungsprozesse im Hinblick auf Prägung und Wandel von Einstellungen und Mentalitäten. Die mit dem semantischen Umfeld von Martyriums- und Opfervorstellungen verknüpften Begriffe sind dabei als Kommunikations- und Bedeutungsträger sprachlicher Ausdruck sozialer Praktiken. Im Sinne Michel Foucaults soll Sprache dabei auch als Bindeglied zwischen Handlungen und den ihnen zugrundeliegenden Erfahrungs- und Wissenshorizonten einer Gesellschaft verstanden werden, wobei durch den Rückgriff auf Ludwig Wittgensteins Modell des Sprachspiels der Blick stärker auf die Alltagsrelevanz gesamtgesellschaftlicher Bedeutungshintergründe und Praktiken gerichtet werden soll.
Vor diesem Hintergrund sollen die drei für das Forschungsprojekt ausgewählten Quellengruppen – 1. Märtyrernarrative in hagiographischen und historiographischen Texten, 2. Liturgie und Predigt, 3. Quellen zu kulturellen und sozialen Praktiken im Umfeld des Martyriums – im Sinne von Fallbeispielen getrennt voneinander analysiert werden. Die einzelnen Textdossiers sollen dabei im Sinne der theoretischen Vorüberlegungen, insbesondere der Sprachspiel-Theorie Wittgensteins, als kommunikative Einzelsituationen untersucht werden, wobei die spezifischen Formen der Sinnstiftung in Bezug auf die Begrifflichkeiten des Martyriums herauszuarbeiten sind. Solche Einzelanalysen liefern die Grundlage für die Untersuchung möglicher funktionaler, durch gemeinsame semantische Ausprägungen des Martyriums getragener Verbindungen zwischen den einzelnen Textgruppen. Dabei muss auch gefragt werden, inwiefern Formen der Sinnstiftung etwa in den hagiographischen Narrativen in kulturelle und soziale Praktiken, wie etwa die Liturgie, umgesetzt wurden. Durch die Herausarbeitung solcher funktionalen Zusammenhänge zwischen Texten und Praktiken kann nicht zuletzt auch untersucht werden, inwiefern durch das semantische Feld des Martyriums weiter gefasste Text-, Lese- und Interpretationsgemeinschaften entstanden.