Am Vorabend der hundertsten Wiederkehr des Kriegsausbruchs 1914 gilt es, der Frage nach dem Scheitern der Bemühungen um den Friedenserhalt nachzugehen. Im Fokus der geplanten internationalen Tagung stehen die Protagonisten dieser Bemühungen: die »Wahrer des Friedens«, die versuchten, den Ausbruch eines großen europäischen Krieges zu verhindern oder doch zumindest dessen Verlauf zu stoppen. Der avisierte zeitliche Rahmen soll die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts (erste Haager Friedenskonferenz 1899) umfassen – die so genannten Vorkriegsjahre – aber auch die eigentlichen Kriegsjahre, die den Blick auf die Friedensinitiativen der neutralen Staaten erlauben oder derjenigen, die spät in den Krieg eintraten (Italien, Vereinigte Staaten u. a.). Desgleichen sollen die Aktivitäten der Pazifisten und der Befürworter von Friedensverhandlungen bei den kriegsführenden Parteien untersucht werden. Das Jahr 1917 als zeitliche Begrenzung ist hier als Zäsur zu verstehen, die durch die immer stärker sich manifestierenden Friedensbemühungen markiert wird, und zwar sowohl in ihrer revolutionären Dimension in Russland wie auch durch die verschiedenen Äußerungen und Initiativen, die in allen Ländern und bei Völkern im Verlauf dieses Krisenjahres erkennbar werden. Zugleich stellen der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, das Scheitern der Stockholmer Friedenskonferenz und die generelle Verhärtung der Fronten zwischen den Regierungen beider Lager, aber auch das Ende der Hoffnungen auf einen Verhandlungsfrieden dar.
Die Tagung soll den Anlass für eine Bestandsaufnahme der Forschungen zu den rechtlichen Aspekten und Ausformungen des Pazifismus bieten, zu den Bemühungen um eine friedliche Konfliktlösung nach dem Schiedsprinzip, zur Entwicklung des internationalen Rechts, zu den Ansätzen der Politik (Haager Friedenskonferenzen, Interparlamentarischen Union), der Nichtregierungsorganisationen (Friedensnobelpreis, Carnegie-Stiftung) wie auch zum Engagement aus der Bevölkerung (Friedensgesellschaften, Internationales Ständiges Friedensbüro). Zugleich gilt die Aufmerksamkeit den Akteuren der Zweiten Internationale und den Führern der Arbeiterorganisationen sowie den Impulsen, die von ihnen ausgingen. Die Aktivitäten dieser »Wahrer des Friedens« setzen sich teils während des Krieges fort, teils treten neue Protagonisten in Erscheinung (Gewerkschaften, Frauen, Aufrührer, Kriegsdienstverweigerer), teils sind erfolglose aber doch bemerkenswerte Initiativen zu beobachten (Stockholmer Friedenskonferenz, Aufrufe Papst Benedikts XV.).
Der Blick auf die Akteure (individuelle wie kollektive) erlaubt es, neue Forschungsansätze der Geschichtswissenschaft zu integrieren, wie zum Beispiel die Untersuchung von individuellen Itineraren, Netzwerken, kulturellen Vorstellungsmustern, auch des Widerstands gegenüber den herrschenden intellektuellen und gesellschaftlichen Strömungen oder der Kontroversen mit den Verächtern des Pazifismus sowie der verschiedenen Fraktionen innerhalb der Friedenswahrer oder der affektiven Dimension des Eintretens für den Frieden.
Tagungsbeiträge werden zu folgenden Themenbereichen erwartet:
1. Frauen und Männer des Friedens (prägende Persönlichkeiten, Aktivisten, prosopographische Untersuchungen u. a.)
2. Orte und Netzwerke der Bemühungen um den Frieden (Friedensgesellschaften, internationale Konferenzen, Friedensbüro, Internationale, Interparlamentarische Union, Stiftungen, Preise, Zeitschriften und weitere Veröffentlichungen)
3. Friedensinitiativen und -manifestationen (Konferenzen oder Konferenzprojekte, Interventionen in internationalen Krisen und Konflikten, Friedensmissionen, pazifistische und antimilitaristische Initiativen u. a.)
4. Die Staaten angesichts der Wahrer des Friedens (Unterstützung, Instrumentalisierung, Marginalisierung, Tolerierung, Unterdrückung)
5. Konzeptionen, Vorstellungen, Kontroversen (Rechtfertigung der Bemühung um den Frieden, wirtschaftliche, soziale, politische, kulturelle, moralische oder religiöse Diskurse, Theorien und Ideologien, Debatten, Kontroversen)
6. Die Sehnsucht nach Frieden (der erträumte Frieden, der erhoffte Frieden, Emotionen, Verhalten, Ausdrucksformen)
Es ist nicht vorgesehen, beim Ablauf der Tagung zwischen Vorkriegszeit und Kriegszeit zu unterscheiden. Den Beiträger/innen ist es im Gegenteil anheim gestellt, den abgesteckten Zeitraum ganz oder teilweise abzudecken oder auch einen besonderen Moment herauszugreifen. Die Frage nach dem Einfluss und dem Scheitern der »Wahrer des Friedens« soll ein roter Faden der Tagung sein, wobei dem Jahr 1917 als Endpunkt des Untersuchungszeitraums eine besondere Aufmerksamkeit zu Teil werden wird.
Einsendung der VortragsvorschlägeVorschläge für Tagungsbeiträge können auf Englisch oder Französisch eingereicht werden und sollten als Word- oder pdf-Datei an folgende Adresse gesandt werden:
Defenseurspaix@univ-paris-est.fr
Sie sollten den Vortragstitel, ein Resümee (ca. 2000 Zn.), eine Kurzbiographie und die vollständigen Angaben zur Person enthalten (Name der Beiträger/innen, institutionelle Anbindung, E-Mailadresse, Postadresse, Telefonnummer).
Tagungssprachen sind Englisch und Französisch. Eine Simultanübersetzung soll angeboten werden.
Agenda
15. April 2013: Einsendeschluss für Vortragsvorschläge
1. Juni 2013: Auswahl der Beiträge durch den wissenschaftlichen Beirat
15. November 2013: Einsendeschluss für Vortragsmanuskripte mit Resümee (max. 1000 Zn.)
15.-17. Januar 2014: Tagung
15. März 2014: Einsendeschluss für die druckfertigen Beiträge
Reisekosten
Reisekosten und Unterkunft werden von den veranstaltenden Institutionen übernommen. Hinweise zu Organisation und Ablauf werden den Teilnehmern ab Juni 2013 zugesandt.
Organisationsteam
Thierry Bonzon (université Paris-Est Marne-la-Vallée, ACP)
Rémi Fabre (université Paris-Est Créteil, CRHEC)
Elisa Marcobelli (Deutsches Historisches Institut Paris)
Michel Rapoport (université Paris-Est Créteil, CRHEC)
Arndt Weinrich (Deutsches Historisches Institut Paris)
Wissenschaftlicher Beirat
Tobias Arand (Hochschule Ludwigsburg), Jean-Jacques Becker (université Paris-Ouest Nanterre-La Défense), Fabienne Bock (université Paris-Est Marne-la-Vallée), Thierry Bonzon (université Paris-Est Marne-la-Vallée), Florence Bourillon (université Paris-Est Créteil), Gilles Candar (Société des études jaurésiennes), Rémy Cazals (université Toulouse 2-Le Mirail), Sandi E. Cooper (City University of New York), Lucio D’Angelo (Universität Perugia), Rémi Fabre (université Paris-Est Créteil), Verdiana Grossi (université de Genève), Christa Hämmerle (Universität Wien), Karl Holl, (Universität Bremen), Gerd Krumeich (Universität Düsseldorf), Norman Ingram (Concordia University, Montréal), Elisa Marcobelli (Deutsches Historisches Institut Paris/EHESS), Holger Nehring (University of Sheffield), Michel Rapoport (université Paris-Est Créteil), Jean-Louis Robert (université Paris 1 Panthéon-Sorbonne), Piotr Szlanta (Universität Warschau), Laurence Van Ypersele (université de Louvain), Arndt Weinrich (Deutsches Historisches Institut Paris), Jay Winter (Yale University).
Veranstalter
Centre de recherche en histoire européenne comparée (CRHEC), université Paris-Est Créteil Val-de-Marne
Deutsches Historisches Institut Paris (DHIP)
Laboratoire de recherche analyse comparée des pouvoirs (ACP), université Paris-Est Marne-la-Vallée