19. Jahrhundert

Forschungsprojekt

Markt und Moral. Die Moralische Ökonomie des französischen Kapitalismus 1880–1914/18

Dr. Jürgen Finger

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

jfinger@dhi-paris.fr
Twitter @JuergenFinger
Blog Moral Economy


Moralische Erwägungen strukturieren jedes soziale Handeln, also auch ökonomisches Handeln. Doch sind Moralvorstellungen abhängig von Kulturkreis, von nationalen und regionalen Spezifika, vom sozialen Status sowie von der Bezugsgruppe, gegenüber der Moral artikuliert wird. Je nach Kontext und Gegenüber funktioniert Moral also unterschiedlich. HistorikerInnen müssten von Moral immer im Plural sprechen.

Das Projekt greift den Begriff der Moralischen Ökonomie nach E.P. Thompson auf und erweitert ihn vor dem Hintergrund einer Kulturgeschichte des Ökonomischen und von Ansätzen der neueren Wirtschaftssoziologie und -anthropologie. Ein nicht-normativer Moralbegriff wird als analytisches Instrument verwendet, mit dessen Hilfe die sozioökonomischen Transformationen Frankreichs an der Schwelle des 20. Jahrhunderts besser zu verstehen sind. Im Zentrum stehen deshalb Handlungsmuster und Routinen sowie deren Legitimationen. Eine vereinfachende Frontstellung von Moral (sozial und »gut«) und Ökonomie (funktional-utilitaristisch und »schlecht«) wird damit ebenso vermieden wie eine eindimensionale Funktionalisierung von Moral als externes Korrektiv ökonomischen Handelns. Moral ist kein externer Beobachtungspunkt, von dem aus Werturteile bevorzugt zu sprechen sind. Vielmehr ist sie integraler Bestandteil jedes Redens über Ökonomie und strukturiert so ökonomisches Handeln.

Es geht nicht darum, Werturteile zu fällen. Als HistorikerInnen wollen wir die Tranformationen von Ökonomie und Gesellschaft besser verstehen.

In welchen Situationen, wie und mit welchem Erfolg wurden Moralvorstellungen in der Ökonomie handlungsleitend? Diente Moral vor allem der Einhegung ökonomischen Handelns? Stabilisierte sie »den Markt«, die sozialen Beziehungen der Wirtschaftsakteure, oder war sie eher ideologischer Überbau für ökonomische Erwägungen? Marktbeziehungen sind häufig durch Asymmetrien geprägt, durch Informationsvorsprünge und Machtbeziehungen: unter Branchenkollegen; zwischen Produzent, Händler und Konsument; zwischen Gläubiger und Schuldner. Konnte der Rekurs auf moralische Standards solche Asymmetrien ausgleichen oder war die ökonomische Moral auf der Seite des Stärkeren? Verloren moralische Ordnungen an Bedeutung, als im Übergang zur Hochmoderne der Staat begann, Marktbeziehungen in vielen Bereichen immer detaillierter zu regulieren?

Diesen Fragen geht das Projekt anhand von drei Fallbeispielen aus Frankreich zwischen 1880 und dem Ersten Weltkrieg nach: Was war der gerechte Preis für Lebensmittel? Inwiefern war eine Insolvenz eine Frage der Moral? Wie stabilisierten moralische Routinen den grauen Finanzmarkt von Paris, wo Transaktionen von Haus aus ungesetzlich waren? Aus diesen Bruchstücken wird die vielfältige und uneindeutige Moralische Ökonomie Frankreichs in der Belle Époque rekonstruiert.

Bildnachweis: Edgar Degas, Portraits à la Bourse, Studie, ca. 1878–79 [Public domain: CC0 1.0], Metropolitan Museum of Art, http://www.metmuseum.org/art/collection/search/436154

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