Zeitgeschichte

Forschungsprojekt

Staat, Integration und Identität in der Zwischenkriegszeit: zur Geschichte der Migration in Deutschland und Frankreich (1918–1939)

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

adroeber@dhi-paris.fr


Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist eine Geschichte der Migration. Politische Verfolgung und wirtschaftliche Not veranlassten während der Zwischenkriegszeit Tausende Europäer, ihre Heimat zu verlassen und auf demselben Kontinent eine neue Zuflucht zu suchen. Integration war dagegen ein Prozess, der in einem nationalen Kontext stattfand. Dazu gehörte die Aktivität staatlicher Institutionen, die mit der Identifizierung und Registrierung von Ausländern beauftragt waren. Akteure in Regierung und Verwaltung wirkten auf die Arbeit der Behörden durch den Erlass administrativer Verordnungen und die Verabschiedung von Gesetzen ein, die einen Bezug zur Präsenz von Ausländern hatten. Die Zivilgesellschaft, Vereine, politische Gruppen und Gruppierungen sowie kirchliche Verbände, prägte die Wahrnehmung und Beurteilung von Immigranten. Diese mussten mit den Klischees und Stereotypen umgehen, die in der Aufnahmegesellschaft das Bild des Fremden bestimmten (Schor 1985).

Das Forschungsprojekt widmet sich den multiplen Formen transnationaler Migration in Deutschland und Frankreich. Beide Länder waren mit ganz unterschiedlichen Phänomenen der Bevölkerungswanderung konfrontiert. In Frankreich waren während des Krieges in großer Zahl Kolonieangehörige insbesondere aus dem Maghreb eingetroffen, die sich in Armee und Wirtschaft verdingt hatten. Das Deutsche Reich hatte die heimische Produktion mit Hilfe einer großen Zahl an Auslandspolen aufrechtzuerhalten gesucht, die zunächst gezielt angeworben, dann immer öfter in den besetzten Gebieten im Osten zwangsrekrutiert worden waren. Nach 1918 wandelte sich das Bild, während die Weimarer Republik zugunsten des krisengeschüttelten heimischen Marktes die Grenzen für Einwanderung abzuschotten suchte, betrieb die französische Regierung eine gezielte Anwerbungspolitik von Italienern, Spaniern und Belgiern, die zur Kompensation des hohen Beschäftigungsmangels in vielen Industriebranchen und für den Wiederaufbau der ehemaligen Frontgebiete eingesetzt wurden. Hinzu kamen Wanderungsbewegungen, die in Folge der Staatsumbildungsprozesse auftraten. Dazu gehörten die sogenannten Auslandsdeutschen, die mit der Abtretung von Elsass-Lothringen zu Fremden im eigenen Land wurden, teils in ihrer Heimat verblieben, teils nach Deutschland einzuwandern suchten.

Das Forschungsprojekt widmet sich den multiplen Formen transnationaler Migration in Deutschland und Frankreich. Beide Länder waren mit ganz unterschiedlichen Phänomenen der Bevölkerungswanderung konfrontiert.

Das Projekt strebt eine Geschichte der »transnationalen Mobilität« (Glick Schiller 1999) in und zwischen Deutschland und Frankreich während der Zwischenkriegszeit an. Es wählt dafür einen lokalen Untersuchungsraum, so sollen französische und deutsche Städte (vorläufig Paris/ Berlin) und Regionen (vorläufig Elsass-Lothringen/ Rheinland) miteinander verglichen werden. Der Fokus liegt auf den Akteuren dieser Mobilität, ihre Ankunft im Aufnahmeland und die dortige Integration. Das Projekt fragt nach den Generationen der Akteure. Es richtet das Augenmerk auf Deutsche und Franzosen, die bereits vor dem Weltkrieg im jeweiligen Nachbarland eingetroffen waren oder während der Zwischenkriegszeit den Rhein überquerten und sich für längere Zeit auf der anderen Seite der Grenze niederließen. Darüber hinaus analysiert es Gruppen und Netzwerke weiterer Migranten, fragt nach der öffentlichen Wahrnehmung und den Wegen der Integration und des Verhaftetbleibens mit der Herkunftsgesellschaft. Ziel ist es, den Begriff der Migration zu hinterfragen und diesen als zeitgenössische Fremdzuschreibung zu historisieren. Die Wanderung und der Austausch sozialer Gruppen über staatliche Grenzen hinweg werden nicht als Ausnahme-, sondern als Dauerzustand aufgefasst. Dies verändert auch das Bild des (interventionistischen) Nationalstaates, der sich während und nach dem Krieg in Abhängigkeit von ausländischer Zuwanderung herausbildete. Vor diesem Hintergrund kommt den analytischen Kategorien von Alterität und hybrider Identität grundlegende Bedeutung zu. Die Wahrnehmung des Fremden war ein entscheidender Faktor im Aufbau staatlicher Kontrollinstanzen und der Ausbildung der öffentlichen Wahrnehmung. Aus dem vielfach im Aufnahmeland vorherrschenden Druck der Assimilation bei gleichzeitig fortdauernder Segregation und anhaltendem Rassismus resultierten multiple Identifikationsbezüge, die Migranten fügten sich in Traditionen und Riten des Ankunftslandes ein, ohne zugleich die Gebräuche ihrer Heimat vollständig aufzugeben.

Der deutsch-französische Vergleich erlaubt die Verfremdung der Kategorie der Nation, die als Begriffs- und Analysecontainer seit (zu) langer Zeit das Verständnis von Migration prägt. Die Verflechtungsgeschichte (Werner/ Zimmermann 2003) erlaubt nicht nur die Analyse der wechselseitigen Herausbildung des französischen und deutschen Behördenstaates, sondern auch die Untersuchung, inwiefern die Erfahrung des Krieges zu Veränderungen im nationalen Selbstverständnis besonders nach Kriegsende und Friedensschluss geführt hatte (Koselleck 1995). Daraus resultierende administrative Hürden sowie daraus resultierender gesellschaftlicher Assimilationsdruck können wiederum in einer beziehungsgeschichtliche Perspektive gebracht und auf ihre Gemeinsamkeiten, Unterschiede und reziproken Beeinflussungen hin eruiert werden. Die Wahrnehmung der Migranten selbst schloss dabei die Enttäuschung über die verweigerte Anerkennung ihrer Kriegsopfer mit ein und beeinflusste so das Verhältnis zur Gesellschaft.