Zur Entwicklung der gegenseitigen Dokumentation von lateinisch-christlich und arabisch-islamisch geprägter Welt im Mittelalter
verantwortlich: Dr. Daniel König
Im Zuge der arabisch-islamischen Expansion des 7. und 8. Jh. etablierten sich in großen Teilen des Mittelmeerraums neue Eliten mit einer unbekannten Religion, deren Aktionsradius sich bisher auf die arabische Halbinsel und ihr näheres Umfeld beschränkt hatte. Während sie in neue geographische Räume vorstießen, begann man im lateinisch-christlich geprägten Europa mehr oder weniger unfreiwillig ihre kriegerische Aktivität wahrzunehmen: Lateinisch-christliche und arabisch-islamische Welt »entdeckten« einander.
In den lateinischen Texten der folgenden Jahrhunderte treten angesichts der vorwiegend militärischen Erfahrungen trotz einiger Ausnahmen v. a. aggressiv-expansive und beutehungrige ›Sarazenen‹ in den Vordergrund. Die Polemik gegen diese spitzt sich zu und findet in Texten der Kreuzzugszeit einen vorläufigen Höhepunkt. Das Zeitalter von Kreuzzügen und Reconquista ist dann auch ein Zeitalter der Entdeckung und Aktivität: In steigendem Maße lernen Krieger, Gefangene, Händler, Gesandte und Missionare Verhältnisse in der arabisch-islamischen Welt vor Ort kennen. Die aus der heiligen Schrift und Pilgerberichten bekannten heiligen Stätten werden nun von Menschenmassen besucht, die dortigen soziopolitischen Verhältnisse beschrieben, kommentiert und bewertet. In Sizilien, v. a. aber auf der Iberischen Halbinsel wird die arabisch-griechische Wissenschaftstradition rezipiert. Auf der Grundlage neuer Informationen und Übersetzungen wird der Islam in mehreren Werken einer polemischen Analyse unterzogen. Die arabische Sprache wird im Rahmen des Wissenschaftstransfers, aber auch aus pragmatischen Gründen, z. B. zu Missionszwecken, erlernt. Im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der Kreuzfahrerreiche und der mongolischen Expansion nach Westen werden zunehmend strategische Überlegungen formuliert, wie man die islamische Welt – militärisch oder missionarisch – überwinden könnte.
Auf arabisch-islamischer Seite verlief der Entdeckungsprozess anders: Ab dem späten 9. Jh. begannen arabischsprachige Historiographen und v. a. Geographen, sich auf der Basis bruchstückhafter Informationen ein grobes Bild von den soziopolitischen Verhältnissen im westlichen Europa zu machen: Dabei verarbeiteten sie Chroniken der östlichen Christenheit zum Römischen Reich und zum Christentum, Beobachtungen von Gesandten, Händlern und Kriegern sowie seltene Übersetzungen lateinischer Texte ins Arabische zum lateinisch-christlichen Europa ihrer Zeit. Diese fast wissenschaftlich anmutende Herangehensweise an den nördlichen Kontinent wurde in den nächsten Jahrhunderten weiter gepflegt, so dass das im 9. Jh. entworfene Bild Westeuropas zunehmend an Konturen gewann. In Reaktion auf die westeuropäische Aggression und Expansion verlagerten sich allerdings auch die Schwerpunkte der Dokumentation Westeuropas: Zunehmend wurden Informationen mit politischer und militärischer Relevanz für die arabisch-islamische Welt verarbeitet, Lebensverhältnisse von Muslimen in Sphären lateinisch-christlicher Herrschaft dokumentiert, vielfach wurde auch polemisiert und verdammt.
Hauptziel des Projektes ist es, den gegenseitigen Entdeckungsprozess nachzuvollziehen. Darüber hinaus widmet sich das Projekt v. a. der Frage, wie der Entdeckungsprozess funktionierte: Neben der Frage, ob der Entdeckungsprozess auf beiden Seiten von gleichen Voraussetzungen ausging, interessiert, wie Informationen wanderten, wie sie verarbeitet, verzerrt und verfälscht wurden. Schließlich soll die Frage gestellt werden, wie und warum es trotz zahlreicher kultureller Übergangszonen und vielfältigem Austausch zur Ausbildung und zur langfristigen Zementierung bestimmter Wahrnehmungsmuster und damit zur Entstehung des immer noch aktuellen Bildes zweier angeblich antagonistischer Kulturen kam.
Zur Forschergruppe »Frankreich und die mediterrane Welt. Räume des kulturellen Transfers«