Workshop am Deutschen Historischen Institut Paris (DHIP), 28.–29.05.2026
Organisiert von: PD Dr. Jan Simon Karstens, Dr. Eva Seemann, Hannah Tulay
[English version below]
Dass Mobilitäts- und Migrationserfahrungen nicht nur in der neuesten Geschichte zur Lebensrealität zahlreicher Frauen und Mädchen gehörten, kann heute als unhintergehbare Tatsache gelten. Dabei war die Mobilität von Frauen, sei es als Töchter, Ehefrauen oder Witwen, als Arbeiterinnen, Nonnen, Unternehmerinnen oder Aktivistinnen, mit geschlechtsspezifischen Erwartungen, aber häufig auch mit besonderen Erfahrungen verbunden, die je nach Herkunft, Stand, Alter, religiöser, ethischer und familiärer Zugehörigkeit variieren konnten. Hieran knüpft der geplante Workshop am Deutschen Historischen Institut Paris an und fragt danach, wie historische Akteur:innen insbesondere solche Erfahrungen von Mobilität reflektierten, deuteten und kommunizierten, die in einem Widerspruch zu vorherigen Erwartungen standen. Hierbei wollen wir dezidiert in einen transepochalen Dialog treten und laden daher Beiträge von der Frühen Neuzeit bis in die Zeitgeschichte ein.
Die Geschichte geschlechtsspezifischer, insbesondere weiblicher Mobilität ist in den letzten zwanzig Jahren zu einem etablierten Thema der historischen Forschung geworden. In Abgrenzung zu älteren Annahmen haben neuere Forschungen dabei nicht nur das weite Ausmaß weiblicher Mobilität seit der Frühen Neuzeit sichtbar gemacht, sondern auch die große Bandbreite unterschiedlicher Mobilitätserfahrungen von Frauen und Mädchen herausgearbeitet. Das Spektrum reicht von weiblicher Bildungs- und Heiratsmobilität, über Stadt-Land-Wanderungen weiblicher Dienstboten und andere Formen von Arbeitsmobilität, bis hin zur Mobilität im Rahmen von Familienmigrationen oder politischem Aktivismus, sei es in kleinräumigen oder grenzüberschreitenden Settings. In jüngeren Arbeiten sind hierbei vor allem weibliche Handlungsmacht sowie die mit der Mobilität einhergehenden Chancen und Möglichkeiten, etwa für Existenzsicherung, sozialen Aufstieg und Selbstbestimmung, betont worden. Dabei war die Mobilität von Frauen nicht selten mit besonderen Zwängen, Herausforderungen und Enttäuschungen verbunden, die Einfluss auf Mobilitätserfahrungen und Entscheidungsprozesse hatten sowie ihrerseits Erwartungen an weibliche Mobilität prägten. Explizite Formen von erzwungener Mobilität (z.B. Vertreibung, Flucht, Sklaverei) sollen hierbei ausgeklammert werden.
Das hier entstehende Spannungsfeld zwischen individuellen und gesellschaftlichen Erwartungungen und dazu widersprüchlichen Erfahrungen soll im Zuge des Workshops tiefer ausgelotet werden. Dabei sollen sowohl die Erwartungen und Erfahrungen mobiler Akteurinnen selbst als auch Deutungen und Reflexionen von Dritten (z.B. Verwandte, Institutionen, Gelehrte, Peers) über weibliche Mobilität und ihre Widersprüche berücksichtigt werden, wie sie in Briefen, Tagebüchern, Memoiren und Reiseberichten, aber auch in öffentlichen Debatten, Medien, behördlichen Schriften, Traktaten u.a. verhandelt werden. Entsprechend orientiert sich der Workshop an einer erfahrungsgeschichtlichen Perspektive und fragt danach, wie historische Akteur:innen eine Diskrepanz zwischen Erwartung und Erfahrung deuteten. Es geht somit nicht um die Messung objektiven Erfolgs oder Scheiterns von Mobilität oder Migrationspolitik, sondern um Wahrnehmungen und Sinnzuschreibungen angesichts solcher Erfahrungen.
Neuere Studien zum historischen ‚Scheitern‘ haben gezeigt, wie sehr die Deutungen enttäuschter Erwartungen variierten. Beispielsweise konnten sie als Teilerfolg oder wichtige Lebenserfahrung relativiert, mittels Schuldzuweisungen abgestritten oder offen als Leidensgeschichte oder Handlungsappell präsentiert werden. Die Frage, welche dieser Deutungen Akteur:innen in welchen Kontexten und mit welcher Intention wählten, berücksichtigt zum einen die Handlungsmacht der Akteur:innen und eröffnet zum anderen neue Einblicke in den Wandel von Erwartungen und Rezeptionen weiblicher Mobilität.
Der geplante Workshop lädt Historiker:innen und Forschende angrenzender Disziplinen (z. B. historisch arbeitende Geschlechterforschung, Literaturwissenschaft … ) ein, gemeinsam den Blick auf enttäuschte Erwartungen zu richten, die mit der Mobilität von Frauen in der neueren und neuesten Geschichte (17. bis frühes 20. Jahrhundert) verbunden waren.
Beiträge sind unter anderem zu folgenden Schwerpunkten/Themenfeldern willkommen:
- Geschlechterrollen sowie individuelle und gesellschaftliche Erwartungen an weibliche Mobilität in unterschiedlichen Kontexten
- individuelle und kollektive Deutungen enttäuschender Mobilitätserfahrungen sowie ihre Auswirkungen auf Entscheidungsprozesse
- Auswirkungen »gescheiterter« oder »enttäuschender« weiblicher Mobilität auf Geschlechterbilder (z.B. der immobilen Frau), auf Geschlechterverhältnisse und Handlungsspielräume von Frauen
- mediale und administrative Narrative über weibliche Mobilität und enttäuschende Mobilitätserfahrungen
- (wahrgenommene) Faktoren des »Scheiterns« weiblicher Mobilität und deren intersektionale Verflechtungen
- Bedeutungen familiärer Netzwerke und des familiären Status auf Mobilitätserfahrungen
- Methodische Probleme und Herausforderungen bei der Erforschung weiblicher Mobilitätserfahrungen
Geplant ist eine gemeinsame Publikation in englischer Sprache. Wir bitten ausschließlich um bisher unpubliziertes Material.
Tagungssprachen sind Englisch und Französisch.
Bitte richten Sie Ihren Themenvorschlag (Abstract im Umfang von 300 Wörtern) zusammen mit einem kurzen CV (1 Seite) bis zum 31. Januar 2026 an hannah.tulay@dhi-paris.fr.
Call for Papers
Coping with Disappointments. Female Mobility between Expectations and Experiences (17th to 20th Centuries)
Workshop, German Historical Institute Paris, May 28-May 29, 2026
Organized by: PD Dr. Jan Simon Karstens, Dr. Eva Seemann, Hannah Tulay
It is indisputable that experiences of mobility and migration have been part of the reality of life for many women and girls – not only in recent history. The mobility of women, whether as daughters, wives, or widows, as workers, nuns, entrepreneurs, or activists, was associated not only with gender-specific expectations, but often also with specific experiences that varied depending on factors such as social and geographical origin, status, age, religious, ethnic, and family affiliation.
The planned workshop at the German Historical Institute in Paris picks up on this and asks how historical actors reflected on, interpreted, and communicated experiences of mobility that contradicted previous expectations. We want to engage in a trans-epochal dialogue and therefore invite contributions from the early modern period to contemporary history.
The history of gender-specific mobility, especially female mobility, has become an established topic of historical research over the past twenty years. In contrast to older assumptions, recent research has not only revealed the extensive extent of female mobility but has also highlighted the wide range of different experiences of women and girls. The spectrum ranges from female educational and marital mobility, to urban-rural migration of female servants and other forms of labor mobility, to mobility in the context of family migration or political activism, whether in local or cross-border settings. Recent work has mostly emphasized female agency and the opportunities and possibilities associated with mobility, such as securing a livelihood, social advancement, and self-determination. However, women's mobility often came with particular constraints, challenges, and disappointments that influenced their experiences and decision-making processes and, in turn, shaped future expectations and retrospective memories. Explicit forms of forced mobility (e.g., expulsion, flight, slavery) are not to be included here.
The tension that arises between individual and societal expectations and contradictory experiences will be explored in greater depth during the workshop. The expectations and experiences of mobile actors themselves will be considered, as well as interpretations and reflections by third parties (e.g., relatives, institutions, scholars, peers) on female mobility and its contradictions, as expressed in letters, diaries, memoirs, and travelogues, but also in public debates, the media, official writings, and tracts on female mobility. Accordingly, the workshop asks how historical actors interpreted discrepancies between expectations and experiences. The focus is therefore not on measuring the objective success or failure of mobility or migration policy, but on perceptions and attributions of meaning in the face of such experiences.
Recent studies on historical »failure« have shown how varied interpretations of disappointed expectations were. For example, they could be relativized as partial successes or important life experiences, denied by assigning blame, or openly presented as tales of woe or calls to action. The question of which of these interpretations actors chose in which contexts and with what intention takes into account the agency of the actors, on the one hand, and opens up new insights into the expectations and perceptions of female mobility, on the other.
The planned workshop invites historians and researchers from related disciplines (e.g., historical gender studies, literary studies, etc.) to jointly focus on disappointed expectations associated with women's mobility since the 17th century.
Contributions are welcome on topics including but not limited to:
• Gender roles and individual and societal expectations of female mobility in different contexts
• Individual and collective interpretations of disappointing mobility experiences and their impact on decision-making processes
• Effects of »failed« or »disappointing« female mobility on gender images (e.g., the immobile woman), gender relations, and women's scope for action
• Media and administrative narratives about female mobility and disappointing mobility experiences
• Perceived factors of »failed« female mobility and their intersectional interrelationships
• The significance of family networks and family status on mobility experiences
• Methodological problems and challenges in researching female mobility experiences
A joint publication in English is planned. We therefore request only previously unpublished material.
The conference languages are English and French.
Please send your topic proposal (abstract of 300 words) together with a short CV (1 page) by January 31, 2026, to hannah.tulay@dhi-paris.fr.
