Subsaharisches Afrika

Forschungsprogramm

Die Bürokratisierung afrikanischer Gesellschaften

Wissenschaftliche Programmleitung:
Dr. Susann Baller


Institutionelle Struktur

Das transnationale Forschungsprogramm »Die Bürokratisierung afrikanischer Gesellschaften« hat im Januar 2017 unter der Leitung von Dr. Susann Baller seine Arbeit in Dakar (Senegal) begonnen. Es umfasst das von Dr. Séverine Awenengo Dalberto koordinierte Projekt »Identität, Identifizierung und Bürokratisierung im subsaharischen Afrika (19.–21. Jh.)« (Forschungsachse 1) sowie drei weitere Forschungsachsen zu den Bereichen Politik (Achse 2), Wirtschaft (Achse 3) und Kultur/Religion (Achse 4) mit insgesamt bis zu fünf Postdocs und acht Doktoranden (Laufzeit 2017–2021). Das Forschungsprogramm basiert auf einer Kooperation mit dem Centre de recherches sur les politiques sociales (CREPOS) und der Universität Cheikh Anta Diop (UCAD) in Dakar. Darüber hinaus ist es Teil einer Partnerschaft mit dem Programm Point Sud (Bamako und Institut für Ethnologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main), dem Seminar für Afrikawissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, dem Lehrstuhl für vergleichende Afrikastudien an der Universität Mohammed VI in Rabat sowie dem Centre de recherches internationales (CERI) am Institut d’études politiques in Paris (Sciences Po). Ein Leitungsgremium aus Vertretern der unterschiedlichen Partnerinstitutionen begleitet das transnationale Forschungsprogramm in seinen Aktivitäten und strategischen Entscheidungen.

Inhaltliches Profil

Das transnationale Forschungsprogramm untersucht die Ausbreitung, Aneignung und Aushandlung bürokratischer Praktiken in kolonialen und postkolonialen Kontexten in Afrika und der afrikanischen Diaspora auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene. Bürokratie verweist auf die systematische Nutzung von Normen, Regeln, Standardisierungen und/oder Kategorisierungen, die darauf zielen, Herrschaft zu produzieren und zu legitimieren. Oftmals wird Bürokratie allein mit dem Staat und eigens ausgebildeten Verwaltungseliten assoziiert. Dabei sind Bürokratisierungsprozesse nahezu allgegenwärtig und keineswegs allein auf staatliche Strukturen beschränkt. Bürokratische Praktiken werden nicht nur »von oben«, also innerhalb staatlicher Institutionen und Verwaltungssystemen, ausgeführt, oktroyiert und/oder in Szene gesetzt, sondern auch »von unten« im Alltag nichtstaatlicher Akteure, wie zum Beispiel in Vereinen, NGOs, Kirchen, im Handel, in Kooperativen u.a., erfunden, herausgefordert und neuformuliert (Hibou 2012). In diesem Programm geht es um die »cité bureaucratique« (Bayart 2013) in all ihren politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Facetten. Zudem hat Ralph Austen (2011) darauf verwiesen, zugleich die Dimension der »Mitte« (»from the middle«) zu betrachten, die Perspektive all jener, die meist als »Mediatoren« fungieren, als »Übersetzer« im wörtlichen und übertragenem Sinne. Letztlich zielt das Forschungsprogramm aber darauf, die Gegenüberstellung von »oben«, »unten« und »der Mitte« zu durchbrechen und die Verflechtungen bürokratischer Praktiken und Prozesse zwischen unterschiedlichen Ebenen und Akteuren herauszuarbeiten.

Bürokratisierungsprozesse sind nahezu allgegenwärtig und beschränken sich keineswegs allein auf staatliche Strukturen.

Im Zentrum stehen dabei die bürokratischen Praktiken selbst (das Erstellen von Statistiken und Registern, das Verfassen von Berichten und Korrespondenzen u.a.), die grundlegenden Bestandteile bürokratischer Prozesse (Zahlen, Papier, Ordnungssysteme, Stempel u.a.) sowie die Orte und Räume bürokratischer Produktion (das Büro, das Bürogebäude wie auch die Wege bürokratischen Schriftverkehrs). Anlehnend an Mudimbes Konzept der »kolonialen Bibliothek« schaffen die Expertensysteme, auf denen Bürokratisierung basiert, eine »bürokratische Bibliothek« – und ihre Archive. Doch ähnlich wie bei der Auseinandersetzung mit der »kolonialen Bibliothek« verlangt auch die »bürokratische Bibliothek« nach einer komplexen Erforschung gegen den Strich und zwischen den Zeilen (sowie über das zu Papier gebrachte hinaus). Zum einen bildeten und bilden bürokratische Praktiken eine massive Intervention in afrikanische Gesellschaften, eine Intervention, die bis an die Ränder afrikanischer Staaten erfahrbar ist (Das und Poole 2004). Zum anderen ist diese »bürokratische Bibliothek« kein geschlossener Raum, sondern ein Feld unterschiedlicher Akteure. Lokale Akteure übersetzen und transformieren soziale Objekte und Ideen entsprechend ihrem Kontext. Bürokratische Praktiken boten und bieten dabei Risiken und Chancen zugleich, trafen aber auch nicht auf ein leeres Feld, sondern verschränkten sich mit Praktiken sozialer Organisation vorkolonialer Zeit.

Wissenschaftliche Aktivitäten

Das transnationale Forschungsprogramm bietet einen Raum für transnationale und interdisziplinäre Kommunikation (mit Stipendiatinnen und Stipendiaten aus Afrika und Europa sowie aus unterschiedlichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, wie Geschichte, Ethnologie, Soziologie, Politik- und Religionswissenschaften). Die Projekte erforschen verschiedene Zeiträume (19.–21. Jahrhundert) und unterschiedliche Regionen Afrikas (u.a. Senegal, Mali, Marokko, Tschad, Elfenbeinküste, DR Kongo). Die Stipendiatinnen und Stipendiaten halten sich mehrheitlich in Dakar auf, dem Zentrum des Projekts, wo sie die logistische Unterstützung des Programms sowie das damit verbundene internationale Netzwerk nutzen können. In Dakar findet jährlich von Januar bis Juni eine öffentliche Vortragsreihe sowie jeden Donnerstagvormittag ein Forschungsseminar mit Gastwissenschaftlern und Gastwissenschaftlerinnen, Lektüre- und Textdiskussionen statt. Darüber hinaus werden Workshops und Tagungen organisiert. Einmal im Jahr lädt das transnationale Forschungsprogramm zu einer Sommerschule ein, die jeweils bei einer der Partnerinstitutionen stattfindet (2017 in Paris, 2018 in Berlin, 2019 in Bamako und 2020 in Rabat) und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt zusammenbringt. Dakar selbst ist einer der wichtigsten Wissenschaftsstandorte in Afrika, wo neben der Universität Cheikh Anta Diop (UCAD) zahlreiche Forschungseinrichtungen angesiedelt sind.

Ansprechpartner:
Prof. Thomas Maissen
Dr. Susann Baller

Mitglieder des Leitungsgremiums

  • DHIP: Prof. Thomas Maissen (Vertretung: Dr. Stefan Martens)
  • CREPOS/UCAD: Prof. Ibrahima Thioub (Vertretung: Prof. Ndiouga Adrien Benga)
  • Programm Point Sud/Goethe-Universität Frankfurt: Prof. Mamadou Diawara (Vertretung: Prof. Elìsio Macamo)
  • Humboldt-Universität zu Berlin: Prof. Andreas Eckert (Vertretung: Prof. Baz Leqocq)
  • Science Po: Prof. Béatrice Hibou (Vertretung: Prof. Laurent Fourchard/Prof. Richard Banégas)
  • Universität Mohammed VI Rabat: Prof. Jean-François Bayart (Vertretung: Dr. Boris Samuel)
  • Dr. Séverine Awenengo Dalberto (CNRS-IMAF und assoziiert am DHIP)
  • Projektleitung (Dr. Susann Baller), Verwaltungsleitung des CREPOS (Prof. Alfred Inis Ndiaye), wissenschaftlicher Koordinator des DHIP (Dr. Niels May), Verwaltungsleiterin des DHIP (Dr. Alexandra Heidle-Chhatwani)