Neuere und Neueste Geschichte

Forschungsprojekt

Dovid Eynhorn – Zwischen Welten. Frankreich und die jiddischen Intellektuellen

Wissenschaftliche Mitarbeiterin


»[Juden] sind die eigentlichen Schiffchen im Webstuhl der Geschichte, sie laufen […] hin und zurück, sind überall und knüpfen gegensätzliche Fäden.« 
Dovid Eynhorn, 1921

Der Blick eines outsiders, des jiddischsprachigen Exilanten und Journalisten Dovid Eynhorn (1886–1973), auf die ihn umgebende Gesellschaft im Frankreich der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist Thema des vorliegenden Projekts.

Migrantinnen und Migranten nahmen die französische Mehrheitsgesellschaft in einem anderen Licht wahr. Das vermeintlich Selbstverständliche musste zunächst erschlossen, die neuen Sinnordnungen in der Migration strukturiert, der eigene »Erfahrungsraum« mit dem »Erwartungshorizont« (Reinhart Koselleck) der umgebenden Gesellschaft zusammengebracht werden. Dovid Eynhorn war ein scharfsinniger Beobachter, Publizist und Intellektueller seiner Zeit, der sowohl die Weimarer Republik als auch Frankreich, wo er zwischen 1924 und 1940 lebte, überaus weitsichtig und treffsicher beschrieb. In seinen Schriften erzeugt er ein Bild der Mehrheitsgesellschaft, das gängigen Narrativen zuwiderläuft, sie nuanciert oder das Augenmerk auf neue, bis dahin vernachlässigte Aspekte richtet.

Ausgehend von den Schriften Eynhorns und von seinen biografischen Wegen und Umwegen, wird in diesem Projekt nach den Deutungen und Bildern gefragt, die Eynhorn von den Gesellschaften entwarf, in denen er lebte, wobei Frankreich im Mittelpunkt steht. War Eynhorn als osteuropäisch-jüdischer Journalist mit seinem biografischen Erfahrungsraum besonders sensibilisiert für Fragmentierungs- und Auflösungserscheinungen der französischen Demokratie? Mit anderen Worten: verrät uns der Blick eines outsiders mehr über eine Gesellschaft im Wandel als bislang wahrgenommen wurde?

[Juden] sind die eigentlichen Schiffchen im Webstuhl der Geschichte, sie laufen […] hin und zurück, sind überall und knüpfen gegensätzliche Fäden. Dovid Eynhorn, 1921

Eynhorns Schriften zeigen zuweilen erschreckend präzise den Puls der Zeit auf. Dies entspricht einer Beobachtung des Historikers Dan Diner, der den Erfahrungen der Jüdinnen und Juden geradezu eine »seismographische Bedeutung« in einer integrierten europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zuspricht. Die Biografie und die Schriften Eynhorns als Ausgangspunkt zu nehmen, um eine Verflechtungsgeschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu schreiben, ist Ziel dieses Projekts. Gewissermaßen soll jener Teppich sichtbar gemacht werden, den die Schiffchen der jüdischen Migrantinnen und Migranten in Eynhorns anfangs zitiertem Satz webten und welche den gegensätzlichen Fäden unterschiedlicher Nationalstaaten einerseits zuwiderliefen und sie zugleich miteinander verknüpften.

Bildnachweis: Fassade einer »Buch- und Zeitungshandlung« in Paris um 1920, Fotothek des musée d’art et d’histoire du Judaïsme, Inv. PH/0200.04.