How Migration Became Data, How Data Makes Meaning, and How Reflexive Migration Research Intervenes

Prof. Dr. Christoph Rass (Univ. Osnabrück)

  • Mobilität und Migration Vortrag
  • 18:00 Uhr (25.06.) - 20:00 Uhr (25.06.)
  • IHA

Wie arbeitet die historische Migrationsforschung mit den Daten, durch die Migration überhaupt erst erkennbar und beschreibbar wird, wenn diese Daten selbst ein Produkt jener Regime sind, die Migration hervorbringen? Diese Frage, die in den kritischen Migrationsstudien seit Langem gestellt wird, gewinnt angesichts digitaler Infrastrukturen und großer Sprachmodelle neue Dringlichkeit, da diese bestehende kategoriale Ordnungen und Regime der Wissensproduktion auf neue Weise fortschreiben und verstärken. Der DFG-Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration“ versteht Migration nicht als Ursache, sondern als umkämpftes Ergebnis gesellschaftlicher Produktionsprozesse. Die Keynote überträgt diese Perspektive auf digitale Quellen und Methoden: Im Zentrum steht nicht die Frage, ob neue Werkzeuge funktionieren, sondern welche kategorialen Ordnungen sie reproduzieren, transformieren und legitimieren.

Die Osnabrücker „Ausländermeldekartei“ umfasst mehrere zehntausend handschriftliche Karteikarten, mit denen eine kommunale Verwaltung über weite Teile des 20. Jahrhunderts hinweg „Ausländer“ als verwaltete Bevölkerungsgruppe hervorgebracht hat. Gelesen werden diese Karten als Dokumente administrativer Einschreibung. Ein weiteres im Sonderforschungsbereich aufgebaute Korpus umfasst rund sechstausend wissenschaftliche Publikationen aus den 1960er- bis 2010er-Jahren über „Gastarbeiterkinder“ und die kategorialen Nachfolgebegriffe, die an ihre Stelle traten. Untersucht wird dieses Korpus dahingehend, wie solche Kategorien in die wissenschaftliche Sprache eingewandert sind. Beide Korpora erfassen zwei Phasen desselben Prozesses: den Akt der Einschreibung und das lange Nachleben von Kategorien, die, einmal hervorgebracht, ein Eigenleben entwickeln. Sie institutionalisieren Verfahren und adressieren jene, die sie klassifizieren. Zugleich sammeln sie Bedeutungen an, die in den nächsten Moment der Einschreibung weitergetragen werden – auch in unseren eigenen.

Die Methoden, die heute auf solches Material angewandt werden, erweitern die Möglichkeiten des Lesens im großen Maßstab – von der Handschriftenerkennung bis zur korpuslinguistischen Analyse, zunehmend auch mithilfe multimodaler Sprachmodelle. Sie entheben die Forschenden jedoch nicht der kategorialen Ordnung der Quellen. In Anlehnung an Michel-Rolph Trouillot verortet die Keynote einen weiteren Ort des Verschweigens in den Dateninfrastrukturen selbst: in ihrem Interface-Design, im Trainingsmaterial, auf dem sie beruhen, und in den Grenzen dessen, was sie im großen Maßstab überhaupt lesbar machen. Reflexive Migrationsforschung lehnt diese Werkzeuge nicht ab. Sie versteht sie vielmehr als historische Objekte, deren kategoriale Arbeit fortwirkt, und schreibt die Geschichte der Migration aus dieser fortdauernden Arbeit heraus.

Bio

Prof. Dr. Christoph A. Rass ist Professor für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung an der Universität Osnabrück sowie Principal Investigator im DFG-Sonderforschungsbereich 1604 „Produktion von Migration“. Seine Forschung untersucht die Hervorbringung von Migration als sozialhistorischen Prozess und politische Kategorie. Ein zentraler Schwerpunkt seiner Arbeiten liegt auf den Genealogien und institutionellen Nachwirkungen von Kategorien wie „Gastarbeiter“, „Displaced Person“ oder „Integration“. Parallel dazu analysiert er Verwaltungsakten, wissenschaftliche Korpora und die digitalen Infrastrukturen, die diese heute verarbeiten, als historische Objekte, deren kategoriale Operationen prägen, welches Wissen über Migration überhaupt erzeugt werden kann. Neuere Publikationen von ihm finden sich u. a. in der „American Historical Review”, „Ethnic and Racial Studies”, „History and Theory” sowie im „Journal of Contemporary History”. Die Monografie „Inventing the ‚Guest Worker‘“(gemeinsam mit Julie M. Weise) erscheint demnächst bei Springer.

Für die Teilnahme vor Ort ist keine Anmeldung erforderlich.
Für die Onlineteilnahme melden Sie sich bitte hier an: Zoom