Neuere und Neueste Geschichte

Forschungsprojekt

Das deutsche Kriegsbrot. Eine Kulturgeschichte der Heimatfront 1914–1919

Nina Régis © DHIP

Doktorandin


Nahrungsmittel gehören in Zeiten des totalen Krieges zu den wichtigsten Rohstoffen, sowohl auf dem Kriegsschauplatz, als auch in der Heimat. Von ihnen hängt das physische und mentale Wohlergehen aller Gesellschaftsschichten ab, der Soldaten und der Zivilbevölkerung, der Industrie- und Landarbeiter. Kriegsbegeisterung und Opferbereitschaft hängen von mehreren Faktoren ab: Neuigkeiten der Front, der Kriegstod eines Sohnes oder Mannes, die tägliche Arbeit sowie die Quantität und Qualität der vorhandenen Nahrungsmittel.

Die Zusammensetzung, die Verteilung des Kriegsbrotes und die einschlägigen Gesetze verkörpern den Dreh- und Angelpunkt der Arbeit. Die von Politikern und vom Militär dem Brot zugeschriebene Bedeutung wird sichtbar in der Entwicklung von Verordnungen und Zensurvorschriften, die sich bemühen die Kritik an der schlechten Brot- und Nahrungsmittelqualität zu verhindern. Solche materiellen Details ermöglichen es, Egodokumente wie Briefe und Tagebücher aber auch Berichte   aus Ministerien in einen Kontext zu stellen. Durch reiches und dichtes Archivmaterial treten die Folgen von Geschmacks- und Qualitätsveränderungen sowie Änderungen im Regime der Rationierung von Brot hervor, das in der deutschen Gesellschaft einen besonderen Stellenwert besitzt.

Analysiert wird sowohl der materielle als auch der symbolische Aspekt dieses Hauptnahrungsmittels, auf das die Akteure oft auch im metaphorischen Sinn Bezug nehmen. Mit einem kulturgeschichtlichen Zugriff soll ein Nahrungsmittel unter die Lupe genommen werden, das in der Lage ist, wie die sprichwörtliche Madeleine von Proust, Abneigungsgefühle, Ekel oder auch Nostalgie hervorzurufen. Gibt es einen spezifischen Geschmack, den die Deutschen mit dem Krieg verbinden? Kann man von einem »Geschmacks-Gedächtniss« sprechen?

Gibt es einen spezifischen Geschmack, den die Deutschen mit dem Krieg verbinden? Kann man von einem ›Geschmacks-Gedächtnis‹ sprechen?

Abbildung: Postkarte aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, Privatbestand der Forscherin

Die Tatsache, dass sich noch heute Krümel, Brotscheiben und ganze Brotlaibe aus dem Ersten Weltkrieg in nationalen Archiven etwa in Berlin, Paris und London, aber auch in regionalen Archive in Dijon und Ulm befinden, ist Indiz für die herausragende Stellung des Kriegsbrotes.

Im Sinne einer kulturhistorisch-anthropologischen Studie setzt die Doktorarbeit den Fokus auf unmittelbare Erfahrungen, auf im Nachhinein traumatische Erinnerungen des Geschmackes, der Konsistenz oder des Geruchs des Kriegsbrotes, die sich tief in die Gedächtnisse eingeprägt haben. Untersucht wird auch die wechselseitige Beziehung zwischen Umwelt und Körper, der gleich einem Organ im Gewebe der Welt von dieser beeinflusst wird und sie zugleich verändert. Dementsprechend wird analysiert, welche spezifische Bedeutung Nahrungsmittel im Allgemeinen und Kriegsbrot ins Besondere in Deutschland während des Krieges einnahmen. Dadurch werden weitreichende kulturelle, politische und soziale Konsequenzen des Ersten Weltkrieges neu beleuchtet.

Die Dissertation gliedert sich in Forschungstrends der Stadtgeschichte aber auch der nationalen Geschichtsschreibung ein, ist zugleich eine Alltagsgeschichte, eine Geschichte der sensibilités und der Emotionen. Die Erforschung des Brotes in Zeiten des Krieges, das von den Akteuren oft als Chiffre für Nahrungsmittel insgesamt genutzt wird, ermöglicht Zugang zu der sonst schwer fassbaren Geschichte der Geschmackserlebnisse. Insofern geht es also weder darum, die Debatten rund um Niederlage und englische Blockade zu vertiefen, noch eine statistische Studie über die Anzahl der Hungertoten zu erstellen. Die Arbeit zielt vielmehr darauf ab, die Moral- und Wertevorstellungen während des Krieges, die mit diesem Nahrungsmittel verbundenen Emotionen und deren Konsequenzen für die Zivilbevölkerung zu erfassen. Das Konzept der Moral Economy erlaubt es, eine Verschiebung der Moralvorstellungen in Zeiten von Krieg und Hungersnot zu studieren, um besser zu verstehen, ob und wie der Verzehr des Kriegsbrotes Einfluss auf die Bereitschaft hatte, den Krieg weiterhin zu unterstützen, und somit den Ausgang des Krieges beeinflusste. Damit eröffnen sich schließlich  Perspektiven auf andere Themenkomplexe, etwa die Verteilung der Nahrungsmittel an der Front oder andere Hunger- und Blockadesituationen wie etwa während der Russischen Revolution.