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Call for Papers: Gewalt im politischen Raum

Wahrnehmung, Diskurse, Emotionen in Deutschland, Frankreich und Europa (19.–21. Jahrhundert)

16. Kolloquium des Deutsch-Französischen Komitees für die Erforschung der deutschen und französischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts e.V. in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Institut Paris und der Deutsch-Französischen Hochschule vom 8. bis 10. November 2023 am Deutschen Historischen Institut Paris.

Organisation: Dr. Axel Dröber (DHIP), Dr. Valérie Dubslaff (Université Rennes 2/DFHK), Prof. Dr. Jörg Requate (Universität Kassel/DFHK)

Wissenschaftlicher Beirat: Dr. Axel Dröber (DHIP), Dr. Jürgen Finger (DHIP), Prof. Dr. Emmanuel Droit (Sciences Po Strasbourg), Dr. Valérie Dubslaff (Université Rennes 2), Prof. Dr. Anne Kwaschik (Universität Konstanz), Prof. Dr. Catherine Maurer (Université de Strasbourg), Prof. Dr. Silke Mende (WWU Münster), Prof. Dr. Jörg Requate (Universität Kassel)

So unterschiedlich die Formen und Praktiken der Gewalt sein mögen, so unterschiedlich können auch ihre Wahrnehmung und die Emotionen ausfallen, die sie hervorbringt. Gewalt kann Schmerz, Schrecken, Entsetzen und Trauer genauso erzeugen wie Gleichgültigkeit, Triumphgefühle oder Genugtuung. Die Frage, wie Gewalt wahrgenommen wird und welche Emotionen mit ihr verbunden sind, hängt von vielen Faktoren ab: davon, ob jemand auf der Seite der Opfer, der Täter:innen oder der Zeug:innen steht, davon, ob Gewalt als legitim oder illegitim empfunden wird oder davon, wie nah oder wie fern die Gewalt ist und in welcher Weise sie medial vermittelt wird. Ziel der Tagung ist es, das komplexe Verhältnis von Gewaltausübung und Gewaltwahrnehmung im Kontext der deutsch-französischen Geschichte und davon erweiternd ausgehend im europäischen und dem damit verbundenen globalen Raum in den Blick zu nehmen.

Die Wahrnehmung von Gewalt und deren emotionale Aufladung spielt für das Verständnis und den gesellschaftlichen Umgang mit Gewalthandeln eine zentrale und noch nicht hinreichend beachtete Rolle. Daher soll historisierend danach gefragt werden, welche Formen der Gewalt im politischen Raum wahrgenommen und auf welche Weise sie emotionalisiert wurden und welchen Veränderungen die jeweiligen Wahrnehmungs- und Emotionalisierungsformen unterworfen waren. Damit verbunden ist auch das Ziel, den politischen Raum in Bezug auf die Frage neu zu vermessen, welchen Stellenwert die unterschiedlichen Formen von Gewalt darin zu unterschiedlichen Zeiten einnehmen. Im deutsch-französischen Kontext rückt hier als erstes kriegerische Gewalt in den Vordergrund. Weitere Formen entstanden im Kontext von Regimewechseln, Aufständen oder Unruhen. Hier steht auch die Reichweite dieser Prozesse im Vordergrund: Spielten sie sich auf lokal begrenzten Ebenen ab oder hatten sie eine größere Wirkung und führten zu transnationalen Transferprozessen? Dies erscheint nicht nur für die Analyse revolutionärer Bewegungen im 19. Jahrhundert, deren imaginierter Legitimität oder als notwendig erachteter Repression von staatlicher Seite, sondern auch für die Betrachtung terroristischer Gewalt seit den 1970er Jahren zentral. Die Ereignisse im anderen Land führten auch zur Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltgeschichte (z.B. im kolonialen Kontext, wie Debatten um Dekolonisierung oder Restitutionsinitiativen bis heute zeigen). Nicht zuletzt mussten sexuelle Gewalt, Gewalt gegen Frauen, Gewalt im Kontext staatlicher oder nicht-staatlicher Institutionen erst den Weg in die jeweiligen nationalen Öffentlichkeiten und die entsprechenden politischen Räume finden. Dies lenkt den Blick zugleich auf die öffentliche Emotionalisierung der intimen Sphäre.

Mögliche (aber nicht erschöpfende) Themenschwerpunkte sind:

Selbstwahrnehmung von Gewalt: In Verbindung mit einer wahrnehmungshistorischen und einer praxeologischen Perspektive kann nach der Selbstwahrnehmung und Verarbeitung von Gewalterfahrungen der unterschiedlichen Akteur:innen (Täter:innen, Opfer, Bystanders) gefragt werden. Inwiefern hinterließen diese Gewalthandlungen nicht nur psychologische sondern auch diskursive Spuren bei den involvierten Personengruppen? Welche Selbstzeugnisse, Erinnerungen und Interpretationen von Gewalt produzierten die betroffenen Personengruppen während des Geschehens und danach?

Wahrnehmung und Thematisierung asymmetrischer Gewalt- und Machtverhältnisse in der Gesellschaft: In welcher Weise gelang es Gewalt im Kontext asymmetrischer Machtverhältnisse (im kolonialen Kontext, in Institutionen, in Familien, in Beziehungen zwischen Männern und Frauen etc.) zu thematisieren? Inwiefern wurden derartige Gewalthandlungen als strukturelle Probleme von asymmetrischen Machtverhältnissen wahrgenommen? Wovon hing es ab, ob sie zu gesellschaftlichen Debatten führten und damit politisierbar waren? Welche Rollen spielten dabei soziale Bewegungen, Opfer(gruppen), die unterschiedlichen Medien und andere Akteure? Welche Faktoren führten dazu, dass Regierungen, Parteien oder Parlamente gesetzlichen Regelungsbedarf sehen?

Medial-öffentliche Vermittlung von Gewalt: Wie spielten Medialität und Emotionalität in der Vermittlung von Gewalthandlungen zusammen? Welche Dynamiken wurden durch Emotionen entfacht, welche kurzfristigen Reaktionen (Hilfe, Unterstützung, Flucht) und langwierigen Folgen riefen sie hervor? Welche Wahrnehmung und Diskurse wurden durch mediale Akteur:innen im öffentlichen Raum produziert und wie wirkten diese in den Mentalitäten nach? Welche Rolle spielten dabei die unterschiedlichen Medien von Presse bis social media?

Gewaltwahrnehmung im Kontext politischer Ordnung(en): Gewalt kann ebenso als legitimes Mittel zur Stabilisierung politischer Ordnungen wie als Mittel zu deren Bedrohung wahrgenommen werden. Wovon hingen diese Wahrnehmungen in konkreten Gewaltsituationen ab und welchen Veränderungen unterlagen sie? Wie legitimierten die unterschiedlichen (demokratischen, autoritären oder totalitären) Regime einerseits und staatsfeindliche Gruppen andererseits die jeweils ausgeübte – staatliche oder antistaatliche – Gewalt und wie wurden diese Legitimationsstrategien wahrgenommen. Lassen sich in diesem Kontext Emotionalisierungs- oder auch Entemotionalisierungsstrategien ausmachen?

Die Tagung findet vom 8. bis 10. November 2023 im Deutschen Historischen Institut in Paris statt. Die Tagungssprachen sind Deutsch und Französisch. Die Reise- und Übernachtungskosten der Vortragenden werden in Abhängigkeit von den eingeworbenen Drittmitteln vom DFHK übernommen. Die Beiträge werden in der Schriftenreihe des DFHK (Franz Steiner Verlag) veröffentlicht.

Interessent:innen werden gebeten, den Titel ihres Vortrags, ein Abstract (maximal 500 Wörter) sowie ihren Lebenslauf (1 Seite) in deutscher, englischer oder französischer Sprache bis zum 31. Dezember 2022 in einer Datei per E-Mail an die Organisator:innen an folgende Adresse comitefrancoallemand@gmail.com zu richten. Doktorand:innen und Postdocs werden besonders aufgefordert, sich zu bewerben.

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