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Historiciser le mal, eine kritische Ausgabe von Mein Kampf

Stellungnahme des Deutschen Historischen Institut Paris zur Veröffentlichung

Am 2. Juni erscheint die kritische Ausgabe von Hitlers Mein Kampf in französischer Übersetzung unter dem Titel »Historiciser le mal, une édition critique de Mein Kampf« im Verlag Fayard. Das Deutsche Historische Institut Paris beteiligte sich an diesem editorischen Projekt. Die Stellungnahme und Hintergrundinformationen finden Sie hier.


Adolf Hitlers antisemitische und rassistische Streitschrift Mein Kampf erschien erstmals 1925/1926. Seit 1949 untersagte der Freistaat Bayern, bei dem die Urheberrechte lagen, jeden Nachdruck. Am 1. Januar 2016 wurde das Werk jedoch gemeinfrei. Im Hinblick darauf organisierte das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) München-Berlin ein umfangreiches Forschungsprojekt und mobilisierte ein Team von führenden deutschen Historikern, um die wissenschaftliche und kritische Edition vorzubereiten. Sie erschien im Januar 2016 in zwei Bänden mit je 1000 Seiten unter der Leitung von Christian Hartmann und unter dem Titel: Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition.

Das Auslaufen der bayrischen Urheberrechte auf Mein Kampf zog in verschiedenen anderen Ländern wissenschaftliche und editorische Unterfangen nach sich. In Frankreich war es der Verlag Fayard, der 2011 beschloss, ebenfalls eine wissenschaftlich-kritische Ausgabe von Hitlers Pamphlet zu erstellen. Der bedeutende Übersetzer Olivier Mannoni erhielt den Auftrag für eine neue, vollständige Übertragung vom Deutschen ins Französische. Damals leiteten Olivier Nora Fayard und Anthony Rowley dessen historische Abteilung. Nach seinem plötzlichen Tod folgte ihm Fabrice d’Almeida, und ab 2014 wurde das Projekt begleitet von Sophie de Closets als CEO und Sophie Hogg, die im selben Jahr zur Leiterin der Geschichtsabteilung ernannt wurde. Sie beauftragten den Historiker Florent Brayard, seinerseits Forschungsdirektor am CNRS, mit der wissenschaftlichen Leitung des Projekts. Das Ziel bestand darin, die hervorragende Arbeit des IfZ für die französische Leserschaft anzupassen.

Stefan Martens, der stellvertretende Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris (DHIP), half als Fachmann für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, den Kontakt zwischen Fayard und dem IfZ herzustellen. Dies führte 2016 zu einer vertraglichen Vereinbarung zwischen Fayard und dem IfZ. Demnach ist das Editionsprojekt von Fayard eine Adaption und Erweiterung der Referenzausgabe des IfZ für die französischsprachige Leserschaft. Aus diesem Grund ist der Direktor des IfZ, Andreas Wirsching, Mitherausgeber von Historiciser le mal. Une édition critique de Mein Kampf.

Die Vereinbarung hielt fest, dass alle Gewinne des Verkaufs an eine gemeinnützige Institution fallen würden, die sich für die Erinnerung an die Shoah einsetzt. Ausgewählt wurde die Stiftung Auschwitz-Birkenau, die für den Erhalt der Konzentrations- und Vernichtungslagerstätten Auschwitz I und Auschwitz II-Birkenau sowie des Museums Auschwitz verantwortlich ist (http://www.foundation.auschwitz.org/). Die Stiftung erhält die Tantiemen des ersten verkauften Exemplars sowie alle Gewinne aus dem Verkauf des Buchs.

Das wissenschaftliche Team wurde 2015 zusammengesetzt und 2016 verstärkt. Es umfasst: Anne-Sophie Anglaret, David Gallo, Johanna Linsler, Olivier Baisez, Dorothea Bohnekamp, Christian Ingrao, Marie-Bénédicte Vincent, Nicolas Patin und Stefan Martens. Diese Historiker und Germanisten überarbeiteten in Zusammenarbeit mit Olivier Mannoni die von diesem angefertigte Übersetzung. Ein Ziel bestand darin, dass die französische Fassung dem deutschen Original so nahe wie möglich kommt. Auch das unterscheidet sie von der fehlerhaften Übersetzung von 1934, die in Frankreich immer noch vertrieben wird, insbesondere von Nouvelles Éditions Latines. Das Team übersetzte und adaptierte den kritischen Apparat des IfZ in einem reduzierten Umfang für das französische Publikum. Schließlich haben einige Mitarbeiter zusammen mit Florent Brayard die Einleitungen zu den 27 Kapiteln verfasst, und alle haben diese Korrektur gelesen und kommentiert.

Die redaktionellen und wissenschaftlichen Kriterien und Entscheidungen wurden regelmäßig einem internationalen wissenschaftlichen Beirat vorgelegt. Ihm gehören an: Christian Hartmann (Potsdam), Denis Peschanski (Paris), Othmar Plöckinger (Salzburg), Renée Poznanski (Beer-Sheva), Uwe Puschner (Berlin) und Henry Rousso (Paris).

Die DHIP hat dieses Projekt auf verschiedene Weise unterstützt. Die vorbereitenden Arbeiten erhielten einen Zuschuss im Rahmen einer im Oktober 2016 unterzeichneten Vereinbarung mit der École des Hautes études en sciences sociales (EHESS), dem das Centre de recherches historiques (UMR 8558) angehört. Florent Brayard gehört dem Laboratoire an, und das Projekt war dort wissenschaftlich angesiedelt. Das DHIP stellte zudem von 2016 bis 2019 ein Büro für die Mitarbeiter des Teams zur Verfügung. Die Bibliothek des DHIP erwarb wissenschaftliche Literatur, die für die Durchführung des Projekts relevant war. Gelegentlich wirkten Praktikantinnen und Praktikanten des DHIP bei verschiedenen Aufgaben mit.

Das DHIP veranstaltete außerdem im April 2018 einen internationalen Studientag zur Rezeptionsgeschichte von Mein Kampf in Frankreich, den Nicolas Patin und David Gallo in Zusammenarbeit mit dem LabEx Tepsis (EHESS) organisierten. Die Beiträge wurden in Francia 47 (2020) veröffentlicht, der Zeitschrift des DHIP. Das Dossier ist unter der folgenden Adresse verfügbar: Link.

Historiciser le mal, die kritische französisch Referenzausgabe, ist damit das Ergebnis einer deutsch-französischen Kooperation auf dem Gebiet der historischen Spitzenforschung. Sie fügt sich ein in die internationale Reihe von wissenschaftlichen Editionen von Mein Kampf. Dazu gehören die polnische Ausgabe von Eugeniusz Cezary Król, die Anfang 2021 erschienen ist, die italienische Ausgabe von Alessandra Cambatzu und Vincenzo Pinto (2017) sowie die hebräische Teilausgabe, die 1994 von Moshe Zimmermann vorgelegt wurde.

Da die Kommentare in der französischen Ausgabe von Historiciser le mal weitgehend auf der deutschen Ausgabe des IfZ basieren, ist das gesamte Projekt das Ergebnis einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem IfZ München-Berlin mit verschiedenen französischen Institutionen: dem Verlag Fayard ebenso wie mit dem LabEx Tepsis, dem Institut national des sciences humaines et sociales des CNRS und dem Centre de recherches historiques (EHESS/CNRS). Die Vermittlung und Unterstützung solcher Kontakte ist eine der wesentlichen Aufgaben des Deutschen Historischen Instituts in Paris. Bereits mit seiner Gründung 1958 durch die Bundesrepublik Deutschland wurde der historischen Forschung eine wichtige Rolle für die Versöhnung der Völker nach dem Zweiten Weltkrieg zugewiesen.

Mein Kampf ist eine grundlegende Quelle für das Verständnis der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Es ist ein Buch, das eine verhängnisvolle Rolle gespielt hat bei der Entfaltung des Nationalsozialismus und der Vorbereitung des Völkermords und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Europa und die ganze Welt verunstaltet haben. Es ist eine Quelle, die studiert und gelesen werden muss, obwohl ihr Inhalt widerwärtig ist. Gerade deshalb kann die Beschäftigung mit dem Inhalt von Mein Kampf weder auf unkundigen Vorurteilen noch auf Raubdrucken oder Internetportalen beruhen, die den Text seit langem unkommentiert frei zugänglich machen. Es ist ein Buch, das kontextualisiert, kritisiert, Zeile für Zeile dekonstruiert und von Kommentaren auf dem neusten Forschungsstand begleitet werden muss.

Das ist eine wissenschaftliche und erinnerungspolitische Herausforderung von internationaler Dimension. Um uns in der Gegenwart zu orientieren und eine völkerverbindende Zukunft zu gestalten, ist es unabdingbar, dass wir uns auch mit den verhängnisvollen Seiten unserer Vergangenheit auseinandersetzen. Nur so können wir verstehen, warum die Deutschen dem Verfasser von Mein Kampf euphorisch und bis in den Untergang gefolgt sind. Nur dank solider historiographischer Arbeit und mit gesichertem Wissen können wir die Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus und seiner rassistischen, antisemitischen, kriegerischen und verbrecherischen Ideologie verstehen. Gefahren lassen sich nicht bekämpfen, indem man sie ignoriert, sondern indem man sie rational und methodisch analysiert. Dies ist nicht nur die Aufgabe von professionellen Historikern. Alle Bürger, die Akteure in einer demokratischen Gesellschaft sind, können daran teilnehmen und ihren Beitrag leisten, wenn sie eine vertrauenswürdige Dokumentation zur Verfügung haben.

Für Interessierte hat das DHIP eine Dokumentation der Pressereaktionen auf die Editionen in Deutschland, Frankreich und Polen zusammengestellt. Sie kann hier eingesehen werden. Die Beiträge des erwähnten Workshops finden Sie hier in Francia.

Zur Stellungnahme (PDF)
Dokumentation der Pressereaktionen (PDF)

Weitere Informationen zum Studientag im Mémorial de la Shoah
Aufzeichnung der Veranstaltung Teil 1
Aufzeichnung der Veranstaltung Teil 2