Veranstaltungen

Dialog und Austausch

18.05.2022

Online und vor Ort: Michel de Certeau – Werk und Rezeption (1)

Prof. Andrés Freijomil (Buenos Aires, Gast der École des Hautes Études en Sciences Sociales) kommentiert das Werk Michel de Certeaus und prüft es auf seine Aktualität.

  • Vortrag Frühe Neuzeit 20. und 21. Jahrhundert
  • 09:00 Uhr (18.05.) - 13:00 Uhr (18.05.)
  • DHIP

Am 18. und 25. Mai bespricht Prof. Andrés Freijomil (Buenos Aires) in vier Vorträgen das Werk von Michel de Certeau. Veranstaltungssprache ist Französisch.

Am 18. Mai:

1. Ist Michel de Certeau zu einem Erinnerungsort geworden? Rezeption und Gestaltung einer »Meistererzählung« 

2. Wie besiegt man Dämonen? Diktaturen, Besessenheit und Theologie nach Michel de Certeau

Am 25. Mai:

3. Deterritorialisierung des religiösen Gegenstands. Michel de Certeau zwischen Sozialgeschichte und Geschichte des Spirituellen

4. Ein Weichensteller der »nouvelle histoire«. Michel de Certeau und die Erfindung der Geschichtsschreibung
 

Anmeldung für eine Teilnahme vor Ort: aschirrmeister@dhi-paris.fr
Anmeldung für eine Online Teilnahme am 18. Mai: Zoom

Allgemeine Einleitung, Dinah Ribard (EHESS)

1. Ist Michel de Certeau zu einem Erinnerungsort geworden? Rezeption und Gestaltung einer »Meistererzählung« 

Als wäre es ein verlorenes Kapitel aus Pierre Noras großem Werk, scheint das Werk von Michel de Certeau zu einem Erinnerungsort geworden zu sein, zu einer Art polysemischem Erbe, das von verschiedenen Interpretations- und Sprachgemeinschaften geteilt wird, deren Lektüre noch immer weitgehend von Faszination, Erstaunen, Schutzreflexen oder Misstrauen geprägt ist. Ausgehend von einer Untersuchung der vier historiografischen Momente, die seine Rezeption in Frankreich bestimmen, werden wir erörtern welcher Platz dort dem Gedächtnis eingeräumt wird, einem der privilegierten Dispositive, die auch heute noch einen wichtigen Bereich der Hermeneutik seines Werks bestimmen. Es handelt sich um eine Anordnung, die zum Aufbau einer »Meistererzählung« Certeaus beigetragen hat, die – neben anderem – wesentlich aus der legendären Metapher des Reisenden, aus einem ebenso vielfältigen wie undefinierten Beruf oder aus einem Bibliozentrismus besteht, der allzu oft die Materialität seiner Werke vernachlässigt. Ein Werk, das gewöhnlich unter dem Blickwinkel einer sehr kurzen Zeitspanne betrachtet wird, der sich auf die Herausforderungen der letzten fünfzehn Jahre seiner Arbeit beschränkt, eine Geschichtlichkeit vernachlässigend, durch die die Spuren des »ersten« Michel de Certeau sichtbar werden könnten. Ziel dieser ersten Sitzung ist es daher, sein Denksystem auf andere Weise zu erfassen, ausgehend von einer Periodisierung, die auf die Wendepunkte seines intellektuellen Werdegangs achtet und seine Strategien der öffentlichen Anerkennung, die Relevanz seiner empirischen und theoretischen Forschungen sowie ein neues Instrumentarium berücksichtigt, das es ermöglicht, ihn in eine nicht auf die Geistes- und Sozialwissenschaften beschränkte Geschichte einzufügen. Schließlich werden wir eine Reflexion über das Werk von Michel Foucault anstellen, weniger, um noch einmal Analogien mit dem Werk von Michel de Certeau aufzugreifen, als auf die Notwendigkeit dessen hinzuweisen, was wir die »Defoucaultisierung« seiner Figur genannt haben.

Diskutant: Pierre-Antoine Fabre (EHESS)

 

2. Wie besiegt man Dämonen? Diktaturen, Besessenheit und Theologie nach Michel de Certeau

Im Anschluss an die erste Sitzung werden wir in diesem zweiten Zugang die von Michel de Certeau geprägten oder entworfenen epistemologischen Postulate anhand von drei Fällen in der konkreten empirischen Forschung verorten. Im Jahr 1970 wird sein Werk von verschiedenen Bereichen durchzogen, die gemeinsam einen regelrechten »gordischen Knoten« bilden: So lässt sich eine außergewöhnliche Konzentration von Themen finden, die denjenigen des frühen Certeau nahestehen und gleichzeitig die Ankunft seiner bekanntesten öffentlichen Figur ankündigen. Aus diesem riesigen Komplex haben wir drei Aspekte zur Beschäftigung ausgewählt, die durch eine Art unsichtbaren Faden miteinander verbunden sind: seine Anklage gegen die Folterungen der brasilianischen Militärdiktatur, die Veröffentlichung seines ersten historischen Werkes außerhalb des intellektuellen Netzwerks der Jesuiten über die Gewalttätigkeit eines Falles von dämonischer Besessenheit im 17. Jahrhundert und der Vergleich des epistemologischen Status der Geschichte mit demjenigen der Theologie. Letzteres Wissen, so Certeau, muss ausgehend von seinem gemeinschaftlichen Ausdruck und seiner kritischen Intervention betrachtet werden, zwei Haltungen, die stark mit der »Praxis« der Theologien verbunden sind, die zu dieser Zeit in Lateinamerika verbreitet waren, bereits aufgeladen von revolutionärem Furor, und durch eine unmögliche Trennung des christlichen Diskurses von seinen Produktionsbedingungen, die besonders in der historischen Rekonstruktion des »Spektakels« deutlich wird, das von den Besessenen in Loudun gegeben wurde. Angesprochen sind damit drei diskursive Operationen, deren enge Verbindung zwischen dem »Sagen« und dem »Tun«  Michel de Certeau im Rahmen eines langfristigen Projekts, das sich als intellektuell und politisch versteht, aufzuzeigen versucht.

Diskutant: Christian Jouhaud (EHESS)

Bildnachweis: IHA.