Mittelalter

Forschungsprojekt

Papsturkunden in Frankreich (Gallia Pontificia)

Rolf Große

Abteilungsleiter Mittelalter

rgrosse@dhi-paris.fr


Die »Gallia Pontificia« ist Teil des »Göttinger Papsturkunden-Werkes«. Paul Fridolin Kehr (1860–1944) gründete es 1896 unter der Ägide der Göttinger Akademie mit dem Ziel, die früh- und hochmittelalterlichen Papsturkunden zu edieren, die vor der Amtszeit Innozenz’ III. (1198–1216) ausgestellt wurden. Denn erst ab diesem Zeitpunkt sind die päpstlichen Register fast vollständig im Vatikanischen Archiv überliefert. Aufschluss über die davor ausgestellten Papsturkunden bis Celestin III. (1191–1198) ist hingegen aus der Empfängerüberlieferung zu gewinnen. Deshalb plante Kehr, das gesamte Urkundenmaterial in den Archiven der Urkundenempfänger bzw. in den Archiven und Bibliotheken, in welche die Bestände überführt wurden, zu erfassen und zu edieren. Für dieses Projekt gewann er die (finanzielle) Unterstützung Papst Pius’ XI. (1922–1939), die heute über die »Piusstiftung für Papsturkundenforschung« mit Sitz in Zürich weitergeführt wird.

Die von Kehr angestrebte Edition geht in drei Schritten vor. Zuerst werden systematisch die Archive und Handschriftenbibliotheken einzelner Länder durchmustert und das bislang unbekannte oder nur schlecht edierte Material in den Abhandlungen der Göttinger Akademie unter dem Titel »Papsturkunden in Italien, in Frankreich usw.« veröffentlicht. Sobald in einem Land keine Neufunde mehr zu erwarten sind, werden alle Urkunden eines Empfängers, aber auch die aus der Historiographie gewonnenen Nachrichten über seine Beziehungen zur Kurie und die gesamte Korrespondenz mit ihr in einem eigenen Regestenwerk verarbeitet. Dieses trägt den Obertitel »Regesta pontificum Romanorum« und ist nach Ländern gruppiert mit den Titeln »Italia Pontificia«, »Germania Pontificia«, »Gallia Pontificia« usw. Als dritte Stufe nach Abschluss des Regestenwerks war eine Gesamtedition aller Papsturkunden in chronologischer Reihenfolge bis 1198 vorgesehen. Diese Etappe, das eigentliche Ziel Kehrs, hat sich jedoch angesichts der ca. 30.000 zu bearbeitenden Dokumenten als nicht realisierbar erwiesen.

Urkunde Lucius’ III. für Reims

Die beiden ersten Stufen, die »Papsturkunden in …« und das Regestenwerk, sind nur für Italien und Deutschland weit fortgeschritten. Mit einem gewissen Abstand folgt Frankreich. In kein anderes Land gingen so viele Papsturkunden wie nach Frankreich. Denn seit der Gregorianischen Reform fand der Nachfolger Petri in der ecclesia Gallicana seinen stärksten Rückhalt. Wer die Papstgeschichte erforscht, muss sich mit Frankreich und den französischen Papsturkunden befassen. Bereits 1904 beauftragte Kehr den Stadtarchivar von Goslar, Wilhelm Wiederhold, mit der Erfassung der Papsturkunden für französische Empfänger. Bis 1913 veröffentlichte er seine in den Archiven und Bibliotheken des Südens gemachten Funde. 1932/33 folgte Hermann Meinert mit einem Band über die Champagne und Lothringen. Zwischen 1933 und 1958 publizierte Johannes Ramackers sechs Bände, mit denen er die gesamte Nordhälfte Frankreichs sowie die Niederlande erschloss. Nach seinem Tod übernahm Ludwig Falkenstein die Diözesen Reims und Châlons-en-Champagne, während Dietrich Lohrmann die Bände »Nördliche Île-de-France und Vermandois« (1976) und (gemeinsam mit Gunnar Teske) »Diözese Paris I: Sainte-Geneviève und Saint-Victor« (1989) veröffentlichte. Rolf Große legte 1998 die Edition der Papsturkunden für Saint-Denis vor und befasst sich seitdem mit weiteren Empfängern in der Diözese Paris (unter ihnen die Bischöfe und das Domkapitel) sowie mit der Diözese Sens. Da die Reihe der »Papsturkunden in Frankreich« so gut wie abgeschlossen ist, konnten für den Südosten die ersten Regestenbände erstellt werden. Sie behandeln die Erzbistümer Besançon (René Locatelli, Gérard Moyse, Bernard de Vregille, 1998) und Vienne (Beate Schilling, 2006) sowie die Suffragane von Vienne (Beate Schilling, 2018). In Vorbereitung ist eine digitale Plattform, die »Gallia Pontificia online«. Auf ihr werden zunächst die Papstregesten für die Erzbischöfe von Reims veröffentlicht.

1981 wurde die »Gallia Pontificia« innerhalb des Gesamtunternehmens verselbstständigt und von der Göttinger Akademie ans DHIP delegiert. Bereits seit 1973 betraute Institutsdirektor Karl Ferdinand Werner stets einen Institutsmitarbeiter mit dem Projekt. 1991 schloss das DHIP eine Vereinbarung mit der École nationale des chartes über die gemeinsame Veröffentlichung der »Gallia Pontificia« und einer begleitenden Buchreihe, der »Studien und Dokumente zur Gallia Pontificia«. Somit ist das Papsturkunden-Werk für Frankreich zu einem internationalen Unternehmen geworden, an dem deutsche, französische und Schweizer Kolleginnen und Kollegen arbeiten. Seit 1999 treffen sie sich alle zwei Jahre zu einem Studientag in Paris.

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Abbildung: Lucius III. für Radulf, Domdekan, und die Kanoniker von Notre-Dame in Reims, (1182) März 26 (Reims, Arch. dép. de la Marne, Centre annexe, 2 G 321, Nr. 1).

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